REPORT
| HINTERLANDER MOUNTAINBIKER
Eine scharfe Rechtskurve. Ein paar Meter durchs Gestrüpp. Dann ist die Unterraschung perfekt. „Da wäre also das gute Stück", sagt Ulrich Weigel (48) umrahmt von schweren Atemstößen und quält sich mit eckigen Bewegungen vom Rad. Vor ihm liegen sechs Steine. Der Kleinste hat die Große eines Bierkastens. Der Größte reicht Weigel bis zum Kinn. Was nicht viel heißt. Weigel ist nicht allzu groß gewachsen.
„Tja, so eine Burg darf man sich nicht vorstellen wie Schloss Neuschwanstein", dämpft Weigel weitere Erwartungen und lässt sich geschafft auf einen der Steine sinken. Burgen befinden sich traditionell auf Bergkuppen. Und die Kuppen bei Dillenburg, im Hinterland von Gießen, sind besonders gemeine Kraftsauger. Blut pumpt durch Weigels Kopf. Der Herzschlag zerreißt fast den Körper. Als schließlich auch Jörg, Harry, Mattes und Siggi herankeuchen, hat sich Weigel wieder einigermaßen gefangen. Feierlich zieht er eine Broschüre aus dem Rucksack. Dann stellt er sich vor den Steinen auf, die daliegen wie illegal abgekippter Bauschutt.
„Burg Hessenwald, erbaut 1326 von Otto der Schütz, verfallen um 1500. Halsgraben und Mauerreste noch sichtbar", liest Weigel aus der Broschüre vor. Das Folo auf dem Titelblatt zeigt ihn selbst mit Mountainbike vor einer ebenfalls nicht mehr ganz vollständigen Uraltimmobilie. Links von ihm posieren Siggi und Jörg, rechts von ihm Mattes und Harry. Dahinter gucken fünf Männer in Ritterkostümen so grimmig wie möglich. Ein Motiv, als hätten sich Weigel und seine Rad-kumpel auf ein Platten-Cover der Heavy-Metal-Musikanten Manowar gemogelt. Jemand ohne graphisches Peingefühl hat das Foto unkreativ auf dem Titelblatt platziert. „Geschichte erfahren - Brabanter Straße", informiert die Headline. Sie, die Hinterländer Mountainbiker, haben die Broschüre geschrieben. Es geht um eine Abenteuer-Tour entlang des mittelalterlichen Handelswegs zwischen Siegen und Thüringen. Zwei Jahre hat die Recherche gedauert, drei Tage die Tour. Es war ihr erstes großes Projekt. Zwölf jahre ist das her. Höchste Zeit

„Okay, dann weiter. Vielleicht schaffen wir ja noch einen kleinen Umbogen zum Papstüberfall. Siggi, geht das mit dem Mittagessen klar?", fragt Weigel, der Uli, und stopft die Broschüre zurück in den Rucksack.
Siggi (55) sagt etwas, was zu regional klingt, um es als Nicht-heimischer zu verstehen. Das Hinterland von Gießen wird von den Einheimischen völlig nachvollziehbar „hessisch Sibirien" genannt. Der Dialekt ist gesprochene Buchstabensuppe und variiert von Dorf zu Dorf.
Weigel lächelt zufrieden. Mit dem Essen scheint alles klarzugehen. Sekunden später tobt den Hinterländer Mountainbikern schon wieder der Fahrtwind um die Ohren. Mit jedem Kilometer vorwärts geht es Jahrhunderte zurück.
Biken nach Zahlen. Heimatkunde mit Achselschweiß, so lässt sich die Philosophie der Hinterländer Mountainbiker wahrscheinlich am besten beschreiben. Kilometer sind gut. Jahreszahlen sind besser. Ein paar Morde, Schurken und Überfälle müssen es schon sein, damit eine Tour nicht nur bloßes
Radfahren, sondern Erlebnis ist. Ob auf Hannibals Spuren über die Alpen, auf Barbarossas Spuren von Straßburg nach Marburg, oder den Spuren des Landgrafen Philipp folgend – die Richtung der Mountainbike-Abenteurer bestimmen die Geschichtsbücher. Nicht der Weg ist das Ziel, sondern viele Ziele sind der Weg. Immer geht es um Spuren von irgendwas und irgendwem. Alt müssen die Spuren sein. Am besten verblichen. Recherche gehört zum Sport wie Ketteölen und Treten. Ganze Monate ihres Lebens haben die Hinterländer Mountainbiker schon in Staatsarchiven verbracht. Jeden Donnerstag trifft man sich zur sogenannten Projekt Verfolgung. Wenn es sein muss, wird auch mal ein Flugzeug gechartert, um alte Wegverläufe im Dickicht der Wälder zu erkennen. Inzwischen hetzt die Truppe weltweit dem Gestern hinterher, als könnte man die Zeit irgendwie einholen. Auf den Spuren hessischer Auswanderer durch Brasilien. Auf den Spuren hessischer Geschichte durch China. Die Broschüren können auf der Homepage bestellt werden. Im Herbst geht es nach Namibia. Das Fernsehen ist wohl wieder mit dabei.
„Hessen ist abgegrast", sagt Weigel. Der Einkaufsleiter eines namhaften Herstellers von Edelkarneras macht auch bei der Radtruppe das, was er am besten kann: repräsentieren, delegieren, strukturieren.
Der Weg in Richtung Papstüberfall ist abschüssig. Weigel hat sich mit verwegenen Fahrmanövern an die Spitze vorgearbeitet. Er kennt sich aus mit Geschwindigkeit. Früher ist er Motorrad-Rennen gefahren.
„Mut
ist mein Benzin", lacht Weigel. Das Bike unter ihm zittert
gestresst von Bodencharakter und eben diesem Mut. Es geht in
unwegsames Gelände. Weigel bleibt inzwischen kaum noch Luft zum
Atmen. Die vielen Kurzanstiege sind nur teilverantwortlich.
Ununterbrochen feuert er Jahreszahlen in den Fahrtwind. Jeder Baum,
jeder Stein, jedes Dorf lässt eine Geschichte aus ihm sprudeln.
Dort hinten! Postraub im Dorf Sowieso, 19. Mai 1822, verfilmt von
Regisseur Volker Schlöndorff 1971 - „entgegen dem
tatsächlichen Schauplatz im Odenwald." Oder hier! Rast von
Landgraf Philipp bei der Heimkehr aus niederländischer
Kerkerhaft, 10. September 1552 - „Treue Untertanen haben an der
Stelle eine Buche gepflanzt, in die aber der Blitz einschlug, deshalb
wurde eine neue gepflanzt, in den Fünfzigern." Weigel weiß
Bescheid. Er ist ein schwitzendes, keuchendes Lexikon. Er liest aus
der Umgebung, wie aus einem Buch. Er liebt die Erotik der Zahlen. Als
sie sich vor ein paar Jahren auf die Spuren des Postraubes machten,
ließen sich die Hinterländer Mountainbiker von einem
Numismatiker eine originale Silbermünze beschaffen. 10466 Gulden
hatten die Räuber erbeutet. So viel wussten sie aus Archiven.
„Wir rechneten das Gewicht der Münze hoch und fanden
heraus, dass die Räuber 130 Kilo zu schleppen hatten. Das war
der Beweis, dass sie einen Teil der Beute in einem Versteck
zurückgelassen haben mussten", sagt Weigel und grinst, als
hätten sie den Zaster gefunden. Zur geführten Poslraub-Tour
der Hinterländer Mountainbiker, mit freundlicher Unterstützung
einer Brauerei, kamen mehr als einhundert Radfahrer. Die Leute
mussten in drei Wellen eingeteilt werden. „Ein gigantischer
Erfolg!", schwärmt Weigel.
Die Uhr zeigt kurz vor zwölf Uhr. Siggi hat bei einer Mezgerei Spirellis und Gulasch in Warmhalteschalen bestellt, die ein gewisser Edi pünktlich um 13 Uhr zum Gelände des Angelsport Vereins bringen soll. Das besagte Gelände wird von Einheimischen „Höhe 500" genannt, was topographische Gründe hat. Es befindet sich 500 Meter hoch auf einer Bergkuppe. Den Abstecher zur Stelle des Papst Überfalls werden sie also nicht schaffen. Dafür wird eben noch rasch der mit sieben
Sühnekreuzen verzierte Felsen besichtigt, an dem einst ein Salzhändler ausgeraubt und halbtot geschlagen wurde. Und das ist doch auch etwas.„Wurde der Typ nun eigentlich halbtot oder richtig totgeschlagen?", fragt Harry Becker (46), Maschinenbautechniker, verheiratet, zwei Kinder.
Es gibt unterschiedliche Überlieferungen. Ich persönlich glaube ja, sie haben ihn mausetot gehauen", sagt Jörg Krug (36). Maschinenbautechniker, unverheiratet, keine Kinder.
Das
Gelände des Angel Sportverein s Oberes Gansbachtal 1977 i.
V. ist ein Idyll mit patinierter
Ruhe. Gebäude und Außenanlagen sind frei von aktuellen
ModeStrömungen. Hier kommt niemand hin, der es nicht unbedingt
will. Im Schaukasten gilbt ein Plakat mit heimischen Fischarten vor
sich hin. In der Küche fand es jemand
originell, die abgesägten Köpfe von Hechten zu
Dekorationszwecken an
die Wand zu nageln. Eddi ist schon da. Kaminfeuer knistert. Der
Kühlschrank ist gefüllt. Ein Krombacher muss sein.
„Bei uns ist das so", beginnt Weigel schließlich mit vollem Spirelli-Mund die Philosophie der Truppe zu erklären: „Wir fahren alle gerne Rad. Aber wir wollen nicht hirnlos durch den Wald brettern." Klar, die Vorbereitung sei oft stressig, wiegelt er ab. Dieses ewige Wühlen in verstaubten Unterlagen. Tage. Wochen. Manchmal Jahre. Das ständige Telefonieren, Abgleichen, Aktualisieren, Besprechen. Aber dass sie nach der ganzen trockenen Theorie jeden einzelnen Meter recherchierte Geschichte selbst erfahren können, also buchstäblich, mache die Sache so einzigartig. Die anderen nicken. Und schon jagt eine Anekdote die nächste. Wie sie in China einen Wachmann mit einer Klappleiter bestochen haben, damit sie das geplante Stück auf dem wilden Teil der Chinesischen Mauer fahren konnten, was eigentlich verboten sei. Wie sie direkt danach Herrn Jäckel in dessen hessischem Brauhaus Landgraf in Peking besucht haben und wie sie damals in den Neunzigern die Touren mit riesigen GPS-Geräten aufzeichnen mussten, die so groß waren, dass man sie nur aufgeschultert transportieren konnte, Und dann natürlich die herrliche Geschichte, wie es Harry auf der Bobbahn in Winterberg geschmissen hat, samt montierter Fernsehkamera. Einen Rekord für das Guinness-Buch hätten sie damals aufstellen wollen, doch die Redaktion hat ihn abgelehnt. Siggi erzählt den Grund. Leider auf Hessisch-Sibirisch.
„Wir bekommen immer wieder Anfragen von Leuten, die Mitglied bei uns werden wollen. In der Region sind wir ja ziemlich bekannt", sagt Weigel und winkt ab: „Bei einem Verein machen fünf Deppen die Arbeit und achtzig andere Leute rneckern. Die Achtzig sparen wir uns lieber."

Die Zeit hat sich am Gelände des Angelvereins vorbeigeschlichen, wie ein pirschender Luchs. Weigel schaut erschrocken auf die Uhr und mahnt zum Aufbruch. Auf dem Tagesplan stehen noch die berühmten Wilhelmsfelsen und die Burg Tringenstein. Und wenn sie zurück sind, wird es noch ein bisschen an die Planung für Namibia gehen. Tausend Fragen sind zu klären. Was hat es mit dem dortigen Ossi-Club auf sich? Hat die Farm „Marburg" in Otjiwarongo tatsächlich ihren Ursprung in Marburg? Wer kann Angaben machen zur hessischen Auswandererfamilie Hasenclever? Wenn alle Antworten gefunden sind, werden sie durchstarten. „Möglichst nah am Original!", sagt Siggi. Die Welt ist und bleibt voller Überraschungen. Der Satz war astreines Hochdeutsch.